Marrakesch 1

Marrakesch 1 – 3 Exkurse

1. Verkehrsinfrastruktur für Straßentheater in freier Wildbahn

Dieses Jahr in Marrakesch ist unser erprobter Parkplatz der letzten beiden Jahre nicht nutzbar, wir finden einen etwas weiter weg, Statt 15min zu Fuß zum Djemna El Fna sind es jetzt 30. Dafür ist der Parkplatz allerdings deutlich schöner. Das erste beim Ankommen an einem Ort, ist dir Frage wo parken wir und wenn wir schon mal da waren, gibt es den Parkplatz den wir kennen noch? Auch bei uns verschwinden oft die gut gelegenen und die günstigen Parkplätzen. Aus 5 min zum Spielort, werden 15, dann 30 bis es irgendwann keinen Platz mehr zum Parken gibt. Oft ist jetzt dort, wo vorher eine unversiegelte Fläche ein Sommerparkplatz war, ein Hotelneubau und alles zubetoniert. Mit den Parkmöglichkeiten verschwinden dann auch die Spielmöglichkeiten oder es ist einfach logistisch nicht mehr zu bewältigen. Im Extremfall ist der Zugang an den Strand dann nur noch für Hotelgäste möglich. Mit den Parkplätzen schwindet etwas vom Flair der Orte, sie sind nur noch für diejenigen zugänglich, die über mehr Geld als andere verfügen. Damit verschwindet aus diesen Orten die Vielfalt der Gesellschaft immer mehr. Der Supermarkt an der Strandpromenade weicht einer Luxus-Boutique. Ein heißer Sommertag, Getränke sind alle, es bleibt nur noch die Hotelgastronomie mit entsprechenden Preisen. Kiosk für den kleinen Geldbeutel – Fehlanzeige. Zum Glück gibt es in Deutschland meistens Trinkwasserqualität aus dem Wasserhahn, wenn noch öffentliche Toiletten vorhanden sind. Teilhabe sieht anders aus. Zurück zu Marrakesch: Fairerweise sei gesagt, der neu gefundene Parkplatz ist wirklich schön und der Parkplatz an der Koutubia direkt gegenüber dem Djemna El Fna ist nach wie vor für Wohnmobile offen. Wir wollen nur nicht mit 9m dort rangieren, was allerdings wahrscheinlich mit einigem Hin und Her und einer Ankunft in den frühen Morgenstunden funktionieren würde.

2. Verkehrsteilnehmer

Ich komme zur Ampel, die gerade rot wird – eine Kreuzung – auf beiden Seiten 3 Spuren in jede Richtung voller Samstagsgroßstadtverkehr. Eine Familie hat es gerade eben noch rüber geschafft – ein junger Mann, gut gekleidet europäisch stilvoll – fängt an wild zur anderen Straßenseite zu gestikulieren. Die Oma konnte im Familienfluss nicht mithalten und soll jetzt doch bitte stehen bleiben, da rot ist und alle fahren. Würde ich jetzt wissen, was Stop auf arabisch heißt, würde ich spontan rüber rufen und den jungen Mann in seinem Bemühen unterstützen. So aber schaue ich zu – wie die alte Dame souverän und unbeirrt und am Ende unbeschadet die voll befahrene Straße langsam aber sicher überquert. „Sie ist wirklich Marokkanerin“ sage ich zu dem jungen Mann, womit ich mich in dem Moment mit der Dame verbünde. Sie zwinkert mir zu und als wir uns später auf dem Parkplatz wiedersehen, wünscht sie mir eine gute Nacht. Eine Kreuzung weiter bin ich selber immer versucht bei rot zu gehen, denn dann ist frei. Was mich davon abhält, ist das Polizei-Auto in der Mitte der Kreuzung. Aber bei rot ist irgendwann frei und wenn dann grün wird, kommen die Rechtsabbieger aus mehreren Richtungen und interessieren sich für die Fußgänger, die an der Ampel stehen herzlich wenig. Um unbeschadet chaotische Straßen zu überqueren, hilft es sich seiner selbst bewusst zu sein. Wer über die Straße will, muss anfangen zu gehen und dabei schauen. In den Kontakt mit den anderen Verkehrsteilnehmern gehen, ständig achtsam – auf sich und alle anderen ebenso achten. Präsenz zeigen. Ein hervorragendes Theatertraining :-). Frisch zurückgekehrt aus Marokko sind wir in Paris auch unbeirrt über den Kreisverkehr beim Arc de Triomphe.

Was ist der einzelne Verkehrsteilnehmer wert? Ist einer mehr wert oder weniger? Wenn alle gleich viel wert sind – ungeachtet ihrer Fortbewegungsart – per pedes, im Auto oder mit Eselskarren – achten alle aufeinander und es gibt kein Vorrecht eines einzelnen auf einen bestimmten Platz oder z.B. die Straße schneller zu kreuzen, nur da 4 Räder vorhanden sind….

Marokko ist ein Land im Wandel. Der Wohlstand steigt. Auf freien Parkflächen üben tagsüber die Fahrschulen. Manches Mal sieht man inzwischen dann auch Marokkaner, die sich beeilen, um noch vor dem Auto über die Straße zu kommen.

3. Vom Verkehr zum Kreis

Im Kreis sind wir alle gleich – wir begegnen einander auf Augenhöhe. Es gibt keinen abgegrenzten Bühnenraum. Wer eben noch in der Mitte steht, kann im nächsten Moment wieder im Kreis sein. Die Musiker sitzen in der Halqua mit im Kreis und diejenigen, die tanzen wollen, tanzen in der Mitte. Es ist egal, wie viel Geld du hast, was Du anhast, ob Du vier Räder hast oder per pedes unterwegs bist. Im Kreis sind alle gleich. Djemna El Fna – Platz aller Künste.

Fotos: Straßen nach Marrakesch / Parken / Motocross-Training 🙂 / Katze auf dem Souk / Djemna El Fna Marrakesch

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